|
Weißrussland Trail 2009
Von 1.-10. August 2009 war der
Reitverein Günzburg mit einer 9-köpfigen Gruppe zu einem Distanzritt in
Weißrussland. Ursprünglich war geplant, in den Pripjet-Sümpfen (der historischen
Landschaft Polesien) von Brest Litowsk nach Pinsk zur reiten, jedoch hatte der
regenreiche Sommer dafür gesorgt, dass diese Gegend zu wenig reitgeeignet
erschien. Wir wählten deshalb einen Route mehr nach Süden und nur im Randbereich
der Sumpfgebiete. Wie immer organisierte den Ritt unser bewährter Reisepartner
Marek Kusnierz aus Polen. Die Pferde kamen zur Hälfte von einer Kosakengruppe
aus Brest und zur anderen Hälfte von dem Reitinstitut der Stadt. Die Brester
Kosaken üben mit ihren Pferden Dschigitowka, das ist das Kunstreiten der
Kosaken, bei dem sie im Galopp im Sattel stehen oder kleine Gegenstände vom
Boden aufheben. Wir hatten auch zwei Hengste dabei, welche auf die Dschigitowka
trainiert waren. Besonders der 12-jährige Hengst Goliaf konnte unter dem Reiter
die Kunsttücke Kompliment, Hinlegen, Hinsetzen oder die Levade und zeigte diese
vor allem dann auch ohne Zutun des Reiters, wenn die Stuten in der Nähe waren.
Goliaf trug auch als einziges Pferd den traditionellen Kosakensattel.
Nach
dem ersten Abend mit den Kosaken in ihrem Lager ging es zunächst 10 km entlang
der Autobahn nach Minsk, da wir nur über die Autobahnbrücke über den breiten
Fluss Muchawez kamen. Wir besuchten eine orthodoxe Dorfkirche, wo uns der
Priester freundlich empfing und eben eine Hochzeit stattfand. Schon hier
tauchten wir in eine andere Welt, die der alten weißrussischen Dörfer mit ihren
bunt bemalten Holzhäuschen. Jedes Dorf fast ein Museumsdorf. Es gibt zwar
Elektrizität, doch dies ist meist schon die einzige moderne Errungenschaft.
Wasser kommt aus dem Brunnen und als Toiletten gibts nur die alten Plumpsklos.
Die Dorfbevölkerung ist überaus herzlich. Für uns interessant ist auch, dass die
Kolchosenwirtschaft und die Staatsbetriebe anders als bei unseren Trails in der
Ukraine völlig intakt sind. Wir reiten nach Süden entlang des idyllischen
Flüsschens Rita.
In den nächsten Tagen
übernachteten wir in einem Erholungshaus eines Radsportinstituts am Rand der
Sümpfe an der Rita. Das Haus hatte im Keller eine Banja, welche wir auch
ausgiebig abends nach den Ritten nutzten. Von Sonntag auf Montag hatte es ein
heftiges Gewitter, bei dem im Nachbardorf ein Hirte in seiner Schutzhütte auf
dem Feld vom Blitz erschlagen wurde.
Das Reiten im Gelände ist nicht
einfach. Die Wälder und offenen Flächen sind durch viele Gräben durchschnitten,
welche so gut wie keine Brücken haben und so morastig sind, dass wir sie nicht
durchreiten können. Deshalb muss der Weg mit Bedacht und gutem Auge fürs Gelände
gewählt werden. Die Landschaft ist unglaublich ursprünglich und unberührt. Eine
Plage sind allerdings die Insekten. Auf den Wiesen werden unsere Pferde von
Bremsen überfallen, im Wald stürzen sich Schwärme von Mücken auf uns. In den
ersten Tagen reiten wir vorsichtig, da wir kein Ersatzpferd haben und nicht
wissen, wie leistungsfähig unsere Pferde sind. Dies erweist sich jedoch als
unbegründet. Nach einigen Tagen erhöhen wir die tägliche Marschleistung auf 5
Stunden.
Immer wieder erstaunlich ist
die Offenheit und Gastfreundschaft der Leute. An einem Abend besucht uns der
Direktor des Sportinstituts zusammen mit dem Kolchosendirektor. Obwohl die
Verständigung nicht einfach ist, gehts mit Wodka immer besser und schließlich
kommts bei Akkordeonmusik zum unvermeidlichen Freundschaftskuss. Im kleinen
Walddorf Gruschka machen wir einmal Mittagsrast an einem idyllischen
Holzbauernhof. Die alten Leute dort leben noch wie vor hundert Jahren. Auf einer
Holzbank sitzen wir zusammen mit Nachbarn und lassen und alte Weidenschuhe und
Feldwerkzeuge zeigen. Wieder weiter im Norden singt der Kirchenchor eines Dorfes
eigens für uns eine halbe Stunde die feierlichen orthodoxen Kirchenlieder. Die
Kirche ist aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Anscheinend war im
Zweiten Weltkrieg auf dem Glockenturm eine Beobachtungsposten der Deutschen. Man
zeigt uns Grafitis im Glockenturm, wo deutsche Landser ihren Namen 1943
hinterließen. Es ist ein Panzerjäger dabei und sogar ein Kavallerist.
Sehr wohlschmeckend ist auch
das Essen. Die Schweine sind noch nicht überzüchtet und haben rosa Fleisch mit
ordentlichem Fettanteil. Entsprechend gut schmeckt es. Das Brot ist einmalig und
eine besondere Spezialität ist reines Schweinefett, welches ein halbes Jahr in
Salz eingelegt wird. Einmal davon probiert, kann man nicht mehr aufhören.
Am Ende müssen wir wieder über
die Autobahnbrücke über den Muchawez. Wir haben die Miliz angefordert, welche
die Brücke für uns sperrt, während wir drüber reiten. Wo wäre das in Deutschland
möglich! Nach sieben Tagen im Sattel haben wir wieder das Kosakenlager erreicht
und unsere Pferde werden abgeholt. Wir schlafen noch einmal im Zelt und nach
einer Besichtigung von Brest Litwosk mit der berühmten Festung gings zurück nach
Polen über die Grenze. Hier besichtigen wir noch das berühmte Arabergestüt von
Janow Podlaski am Bug. An diesem Wochenende ist große Auktion mit Besuchern aus
der ganzen Welt. Polen hat in der Araberzucht Weltrang. Die Anlage ist wurde von
Zar Alexander II. 1817 gegründet und besteht aus einer reihe sehr alter
weitläufiger Gebäude.
Am 10. August gings dann von
Warschau zurück mit dem Flieger nach Bayern. Hinter uns lagen eine Reise in die
malerische slawische Dorfvergangenheit, wie sie vielleicht nur mehr in
Weißrussland zu erleben ist.
|